Tagebuchauszug - Freitag 12. Oktober 2012 - Gold Beach. Neben unserem Zelt steht ein kleines Haus, nicht grösser als einer dieser grossen Camper die wir immer wieder sehen. Das Wetter ist nicht gerade rosig, zwischendurch immer wieder etwas Regen. Wir lungern auf dem Platz herum und suchen etwas Brennholz, als uns Mike und Marylin aus Silverlake, Oregon begrüssen. Sie wohnen in dem kleinen Haus und verbringen die Wintermonate hier im Süden. Wir sollen doch morgen früh zum Kaffee kommen.

Und da sitzen wir nun in der kleinen Stube und trinken einen typisch amerikanisch wässrigen Kaffee, dazu ein paar Bagels. Schlaftrunken hören wir den beiden pensionierten Farmern gespannt zu. Sie waren ihr ganzes Leben im Heu- und Strohhandeln tätig und haben ihr Erzeugnis hauptsächlich nach Japan verkauft.

Lust auf mehr Tagebuchauszüge? Besuchen Sie uns wieder, die Geschichten werden laufend erweitert. 

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Wir stehen schlaftrunken am Bahnhof von St. Antonio. Es ist finster und nur die zugfahrenden Reisenden verirren sich nach draussen. Dieser Zug macht hier für zwei Stunden halt. Ich betrete den Wartsaal und werde von den Wartenden aufs genauste beobachtet. Die Ticketschalter sind noch geschlossen, es ist ja quasi mitten in der Nacht. Irgendwo muss ich in Erfahrung bringen wie wir zu Gepäck und Fahrrädern komme. Als ich wieder nach draussen komme sind die meisten Reisenden ausgestiegen und abgeholt worden. Wir stehen etwas verlassen und müde auf dem Bahnsteig und überlegen was zu tun ist als wir in der Dunkelheit einen Gepäckwagen aufgehen hören. Endlich. Zwei Stunden später brechen wir zu unserer letzten Etappe nach Florida auf.

Ein grosser Teil unserer Strecke führt uns durch Texas. Einen Bundesstaat welcher vor seiner Zugehörigkeit zu den USA bereits eine unabhängige Republik war. Die Todesstrafe und die körperliche Züchtigung von Schüler-Innen durch das Paddle wird noch heute angewandt. Glücklicherweise sind wir von beiden nicht betroffen, uns beschäftigen nur die Hunde welche uns täglich jagen. Unsere Reaktion darauf ist immer die selbe. Stoppen, anschreien, weiterfahren. Nachdem wir gut eine Woche unterwegs sind, melden die Wetterfrösche eine schlimme Schlechtwetterfront. In Richards finden wir auf einer kleinen Rinderfarm Zuflucht. Wir machen uns auf der Farm nützlich und warten besseres Wetter ab. Jeden Tag heisst es "morgen kommt der grosse Sturm", nach sechs Tagen glauben wir den Wetterpropheten nicht mehr und ziehen weiter. Am Valentinstag steuern wir kurz nach Shepherd den Sanctuary Campground an und machen mit dessen Besitzerin einen Deal. Wir korrigieren ihren BIG Master Plan (Beginning Illuminated Growth), ein Buch über Lebensweisheiten in sieben Sprachen, und dürfen dafür kostenlos übernachten. Je näher wir Richtung Florida kommen desto seltener finden wir eine Campsite für unser Zelt. Bei den wunderschönen RV-Parks werden wir meist abgewiesen und Übernachten in billigen Motels welche von indischen Familien geführt werden.

An der Ostküste von Florida, in Fort Pierce, finden wir an einem schönen Strand eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wir verbringen fast drei Wochen hier, geniessen den tollen Stand und lernen liebenswerte Menschen kennen. Alles schöne hat ein Ende, auch unser Amerika Aufenthalt. Am elften Mai fahren wir auf dem Highway 528, einer Gebührenpflichtigen Strasse, von Cape Canaveral Richtung Orlando. Unsere Freunde meinten zwar das der Highway für Fussgänger und Fahrräder gesperrt sei, doch uns begegnete nie das sonst übliche Hinweisschild "PEDESTRIANS AND BICYCLES PROHIBITED". Wir entschieden uns den möglicherweise verbotenen anstelle des vierzig Kilometer längeren und für Fahrräder gestatteten Weges zu nehmen. Um elf Uhr, wir haben gerade 40km auf unserem Tageszähler, stehen wir das erste Mal vor einer Zahlstation. Für unseren Beamten im Glashäuschen sind wir die ersten Fahrradfahrer und weis absolut nicht wie er mit uns verfahren soll. Nach kurzer und lustiger Diskussion lässt er uns kostenlos passieren. Dann wird es wohl doch nicht verboten sein, denken wir. Falsch - wie sich eine Stunde später herausstellt. Die freundliche, mit Blaulicht und Sirene anfahrende Beamtin lässt uns keinen Meter mehr auf der Schnellstrasse weiter fahren. Wir sollen schon länger von der Verkehrszentrale über ihre Kameras beobachtet worden sein. Sie hilft uns noch einen Weg nach Orlando zu finden. Leider müssen wir auch jetzt noch einen Umweg von etwa 30km auf uns nehmen, da es neben diesem HW528 wirklich keine direkten Strassen nach Orlando gibt. So verlassen wir nach 60km diese für uns sichere Schnellstrasse und radeln auf schmalen und gefährlichen Baustellenstrassen nach Orlando.

Am 17. Dezember mieten wir uns ein Auto und fahren in zwei Tagen durch die Wüste zum Grand Canyon (Village). Wau - hammermässig! Diese Schlucht, länger als die Schweiz und bis zu 1800m tief, haben die Amerikaner super hingekriegt. Uns verschlägt es buchstäblich die Sprache als wir am ersten Aussichtspunkt dieses Wunder der Natur bestaunen. Wir fahren dem East Rim Drive entlang bis es zu viel Schnee auf der Fahrbahn hat. Unser Schlitten hat leider nur Sommerpneus und wir sind bereits an drei Unfällen vorbei gefahren. Wir kehren um und übernachten in einem kleinen Hotel. Die ursprüngliche Idee hier zu campen verwerfen wir, da die Temperaturen mittlerweilen unter Null Grad gefallen sind. Wir sind immerhin auf 2000m Höhe, da darf es im Dezember schon etwas kalt werden. Am nächsten Tag spazieren wir früh Morgens noch einmal dem Canyon (West Rim Drive) entlang und brechen danach nach Las Vegas auf. Diese "must go" Spielerstadt ist gross, laut und kommt langsam in die Jahre. Die meisten Hotels sind aus den siebziger und achtziger Jahren und nicht mehr so gut im Schuss. Natürlich hat es auch neue und gepflegte Hotels wie das Bellagio mit einer tollen Weihnachtsdekoration. Da liegen Weihnachtskugeln mit zwei Meter Durchmesser neben lebensgrossen Eisbären aus weissen Nelken und 6m hohen Holzfiguren. Wie in jeder Stadt hat es auch hier eine Menge exklusiver Läden. Doch weder unser Budget noch unser Stauraum erlaubt uns grosse Einkäufe. Und die 15cm hohen Highheels welche hier angeboten und getragen werden wären ja für Beatrice ja auch nicht praktisch zum Radfahren. Und so verlassen wir Las Vegas nach drei Tagen. Für uns ist diese Stadt definitiv keine Reise wert und Spielernaturen sind wir ja sowieso nicht. Wieder zurück in San Diego beziehen wir unser kleines Zimmer in Pacific Beach und verbringen den Januar hier. Unsere Fahrräder bleiben unbenutzt, da wir das Auto unserer Vermieterin benutzten dürfen.

Nachdem uns der Hotelmanager in Long Beach das Kochen vor dem Hotelzimmer verboten hat und das Wetter etwas besser ist, verlassen wir Los Angeles und fahren auf dem Pacific Couast Highway der Küste entlang. Nach San Clemente führt uns ein Radweg auf dem alten Highway mitten durch das Marine Corps Base - Camp Pendelton, einem weiteren riesigen Militärkomplex. Doch wir haben die Strasse ganz für uns. Autos sind hier nicht zugelassen. Kurz vor Oceanside beginnt es wieder zu regnen. Wir suchen uns ein günstiges Hotel. Im Americas Best Value Pacific Inn werden wir uns (fast) einig. Doch auf der VISA Abrechnung welche ich unterschreiben soll steht ein höherer Preis als mündlich vereinbart. Nein, nein, so nicht. Auch wenn es nur ein paar Dollar sind verlassen wir die trockene Reception nach kurzer, heftiger Diskussion und stehen wieder im Regen. In einem kleinen Restaurant wärmen wir uns mit einem Kaffee etwas auf und kommen mit einem Police Officer ins Gespräch. Wir fragen ihn bei dieser Gelegenheit nach einem preiswerten Hotel. Doch dieser ist gar nicht erfreut. Wir sollen auf keinen Fall hier übernachten meint er, zu viel Gesindel und Drogensüchtige, und schickt und in die nächste Stadt nach Carlsbad.

Wir haben ja schon gesehen, dass hier viele spezielle Leute auf der Strasse herumlungern. Doch dies ist ja nicht die erste Stadt mit eigenwilligen Menschen. In Olympia war es viel krasser und diese haben wir ohne Schaden überstanden. Und doch nehmen wir die wenigen Kilometer auf uns und fahren bei strömendem Regen nach Carlsbad. Wir haben die ersten Häuser in Carlsbad erreicht, da höre ich eigenartige Geräusche am Fahrrad von Beatrice. Ein feiner Stahldraht eines Autopneus hat sich in der Kette verfangen und schleift an der Kettenverschalung. Diese feinen Drähte sowie lange Nägel mit welchen Holzpaletten zusammengenagelt werden sind die Hauptsünder für unsere platten Reifen. Glücklicherweise haben wir den Übeltäter heute noch rechtzeitig entdeckt.

Am nächsten Tag stehen wir kurz vor Mittag vor der Tür unserer fernen Verwandten hier in San Diego. Wir dürfen das Zimmer der elf jährigen Tochter beziehen, sie muss zu ihrem aelteren Bruder ins Zimmer. Bis kurz vor Weihnachten zeigt uns unsere neue Familie alles Wissenswerte in San Diego. Da sind zum einen die "COUPONS" mit welchen du Leistungen oder Produkte zu speziellen Preisen erhälst. Ohne diese geht hier niemand aus dem Haus. Aus dem Haus ist meist mit "HAPPY HOUR" verbunden, da sind wir auch bereits beim zweiten wichtigen Thema hier. Zwischen 4pm und 7pm gibt es in den meisten Restaurants ausgewählte Drinks und Appetizer zum halben Preis. Schnäppchen könnte man meinen, doch wenn du letztendlich die Rechnung in den Händen hast ist es nicht wirklich günstiger.

Die Einreisebehörde der USA ist im Fährterminal in Victoria, Kanada stationiert. In dem kleinen Raum mit vier Schalter finden unsere schwer bepackten Fahrräder kaum Platz und stehen den anderen Touristen im Weg. Die Beamtin schaut wenig erfreut als sie uns und die Pässe mit strengem Blick begutachtet. Ohne viel Worte lässt sie uns Formulare, falsche wie sich später zeigt, ausfüllen. Die Gute hat unser Visum übersehen. Offensichtlich aber zu unserem Glücke, denn sie entschuldigt sich dafür mehrmals und lässt uns ohne weitere Fragen für acht Monate in ihr Land einreisen.

Auf der Fähre lernen wir dann Diane und George kennen. Beide kurz vor siebzig und auf dem Rückweg ihrer Fahrradtour. Sie wohnen in der Nähe von Seattle und laden uns auf einen Besuch zu sich nach Hause ein. Wir kommen im Hafen von Port Angeles an und passieren ohne Probleme die Zollkontrolle. Die Beamten sind nicht wirklich motiviert unsere zehn Taschen richtig zu kontrollieren, vielleicht auch weil wir die letzten Passagiere vor Feierabend sind. Wir fahren auf direktem Weg zu Walmart, dem riesigen Supermarkt auf dessen Parkplätze ein kostenloses "overnight camping" möglich ist. Walmart ist gemäss Wikipedia der grösste private Arbeitgeber weltweit und auch der grösste Energieverbraucher der USA. Hinter einem geparkten Walmart Lastwagen finden wir eine kleine Grünfläche auf welcher wir unser Zelt aufstellen. Licht spenden uns die grossen Scheinwerfen die den Parkplatz rund um die Uhr beleuchten. Ausserdem dürfen die Toiletten benutzt werden. Eine coole Sache die wir unbedingt testen mussten.

Seattle ist nur ein paar Tagesetappen entfernt. Der berühmte Pike Market mit den Fachverkäufern kannte ich bereits aus dem Managementbuch "FISH" und ist in Wirklichkeit wie beschrieben. Die Verkaeufer sind mit Leib und Seele bei der Arbeit und haben einen riesen Spass dabei. Natürlich auch zu Freude und Belustigung der Touristen. Von Seattle fahren wir nach Longview wo wir über die eindrucksvolle 64 Meter hohe Lewis and Clark Bridge nach Oregon einreisen. Wir folgen dem Columbia River bis dieser in Astoria in den Pazifik mündet. Die Nacht war laut im Hostel Hideaway. Ein streitsüchtiges Paar auf der gegenüberliegenden Strassenseite hinderte uns am einschlafen und als diese endlich Ruhe gaben, kamen nach und nach die jungen Hotelgäste nach Hause und feierten Party bis in die frühen Morgenstunden.

Vor uns liegt die wunderschöne Küste von Oregon mit langen Sandstränden und Dünen welche die Strasse vielerorts aufzufressen drohte. In Newport schlagen wir unser Zelt nicht weit der Brauerei ROGUE auf. Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen und testen die verschiedenen Sorten. GPS sei Dank finden wir spät Abends auch wieder zurück zu unserem Zelt. Die Strasse der Küste entlang ist anstrengend. Bist du endlich ganz oben auf der Klippe, fällt die Strasse nach der nächsten Kurve wieder ganz hinunter zur Küste. Wohlverstanden, dies nur damit du sofort wieder hochfahren kannst. Die einen geniessen die rasanten Talfahrten (Beat), die anderen verfluchen die steilen Aufstiege (Beatrice). So hat jeder seinen Spass.

Eines Morgens fahren wir gedankenverloren unseres Weges als vor uns zwei Leute wild mit den Armen fuchteln. Oh je, da ist sicher etwas passiert. Wir halten an und merken erst jetzt, dass es Mike und Marylin sind. Sie waren vor kurzem unsere Nachbarn auf einem Campground und hatten uns am Morgen mit frischem Kaffee und Brötchen bewirtet. Sie sind unterwegs zu einem Spielcasino und sahen uns strampeln. Wir trinken zusammen einen Kaffee und müssen danach die Fahrräder auf ihren Track aufladen. Die Strasse sei viel zu steil. Beatrice und Marylin waren sich rasch einig, ich hatte da nichts mehr zu melden. Und so haben wir kurz nach dem Mittag bereits 100km hinter uns und sind nicht einmal müde. In Eureka quartieren wir uns in einem Motel ein da die Sonne heute in strömen scheint. Doch der heutige Tag wäre fast ins Auge gegangen. Ich vergass am Vorabend das Ventil des Benzinkochers zu schliessen. Als ich nun die Benzinflasche am Kocher anschloss und Druck erzeugte lief das ganze Benzin in die Badewanne. Oh habe ich nicht erwähnt, dass wir wieder einmal im Badezimmer kochen, dort hat es keinen Feuermelder. Hätte ich wie sonst angezündet wäre das Badezimmer in Flammen gestanden. Vielen Dank lieber Schutzengel und ja wir sind in Zukunft vorsichtiger beim Kochen (im Badezimmer).

Weiter alles der traumhaften Küste entlang freuen wir uns auf San Francisco als plötzlich vor uns ein Wagen abrupt anhält. Was ist jetzt los? Wir halten an und fragen freundlich nach. Millie die Lenkerin bietet uns einen Schlafplatz an und drückt uns ihre Adresse in die Hand. Und so stehen wir zwei Tage später vor ihrer Tür in Fairfax. Aus einer Nacht werden vierzehn Tage mit einem, wirklich unvergesslichen Abend. Wir erleben und feiern die Wiederwahl von Barak Obama in einem offiziellen Wahllokal mit über hundert überglücklichen Demokraten. Als krönender Abschluss verlassen wir Fairfax und überqueren die Golden Gate Bridge. San Francisco haben wir eine Woche zuvor bereits besucht.

Auf dem Highway 1 oder 101 geht es weiter südwärts. Die nächsten Ziele liegen in Reichweite. Los Angeles 308 miles / San Diego 502miles / Birthday 15 days. Was wir nicht wissen, dass am 22. November 2012 auch Thanks Giving gefeiert wird. Ein wichtiger Tag für die Amerikaner, denn alle Restaurants und Einkaufsläden sind geschlossen. Und dies in einem Land in welchem auch am Wochenende eingekauft wird. So müssen wir einmal mehr in unserem Zimmer kochen. Je näher wir Richtung LA kommen desto schöner und grösser werden die Villen. In Malibu bleibt uns dann die Spucke weg. Da stehen wir plötzlich vor Villen in welchen locker zehn grosse Wohnungen oder tausend kleine Zelte wie unseres Platz fänden. Mit der Grösse der Häuser nimmt auch die Dichte des Verkehrs zu. Fahrräder sind hier leider nicht mehr willkommen und wir durchfahren Los Angeles mit der Hochbahn.

Nach 13 Jahren spielen die BEAT FARMERS erstmals wieder zusammen auf der Buehne. In einem kleinen Konzertlokal in San Diego erlebten wir diesen lustigen und lauten Abend.

Die BEAT FARMERS waren von 1983 bis 1995 "one of the greatest bands ever". Am 8. November 1995 geschah das unglaubliche. Waehrend eines Konzertes in Whistler, BC, Kanada verstarb der Gitarrist und Drummer Country Dick Montana auf der Buehne an einem Herzschlag. Die Band wurde danach aufgelöst.